Im Vorfeld gab es Kontroversen darüber, wie sexy denn eine Action-Heldin im Videospiel nun sein darf. Denn Eve schnetzelt sich mit ihren Modelmaßen teils in einem absurden Hauch von nichts durch ihre Gegner. Aber hat das Soulslike-inspirierte Stellar Blade überhaupt mehr zu bieten als Arsch und Titten? Die Antwort ist einfach: Ja, jede Menge! Wenn man ein gutes Gameplay, eine faire Umsetzung und eine tolle Inszenierung zu schätzen weiß.
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Worum geht’s?
Die Erde ist zu einem Großteil unbewohnbar geworden, weil sie von monsterähnlichen Kreaturen bevölkert wird, den sogenannten Naytibas, die es in allen erdenklichen Größen- und Ekel-Formen gibt. Die Menschen sind in den Orbit zur Kolonie von „Mother Sphere“ geflüchtet und schicken seither Landetrupps in Form von Elite-Kämpferinnen. Das Ziel: Rückeroberung des Planeten und Zerstörung der Naytibas. Der siebte Landungstrupp wird eiskalt erwischt und nur durch Glück überlebt Eve als einzige. Sie wird von einem Schrottsammler (Scavenger) namens Adam aufgegabelt und muss daraufhin die Welt und Xion, die letzte Stadt der Menschen, fast im Alleingang retten…
Glory to Mankind
Es ist merkwürdig, wenn Gedanken sich Bahn brechen und zu geschriebenen Wörtern manifestieren, die dann ein anderes Bild als im Kopf ergeben. Hübsche Kämpferin, apokalyptische Welt, unmenschliche Gegner, Wiedereroberung, Drohne als Wegbegleiter. So neu ist das alles nicht, auch wenn es sich jetzt durchaus eigenständiger liest als ich gedacht hätte. Im Verlauf des Spiels hat sich meine Meinung diesbezüglich geändert: Von Abklatsch erst hin zur Kopie und dann zu einer Hommage.
Dass Stellar Blade sich vor dem Klassiker Nier: Automata und seiner Heldin 2B verneigt, wurde mit dem später hinzugefügten DLC in Kooperation mit Square Enix offensichtlich. Emil taucht auf und hat die ikonischen schwarzen Klamotten, Frisuren und Augenbinden für Eve und ihre Gefährten im Gepäck. Sogar die Drohne kann man im Nier-Pod-Design umgestalten. Das war für mich als Fan natürlich ein Muss, sodass ich fast nur noch im 2B-Kleidchen spiele.
Angriff ist nicht immer die beste Verteidigung
Und Eve sieht nicht nur so aus wie 2B, sie spielt sich für mich auch so. Selbst wenn das Gameplay andere Wege geht und eher einer Mischung aus Nier: Automata, Final Fantasy XVI und Lies of P gleicht. Es gibt Standard- und starke Angriffe, die man mittels Tastenkombination zu schlagkräftigen Beta-Kombos ausbauen kann. Schilde durchbrechen, Rundumschlag oder auch aus der Ferne in bester Zelda-Link-Master-Sword-Manier auf das Ungetüm schießen – all das ist möglich und durch die erkämpften Erfahrungspunkte noch erweiterbar.
Vielleicht ist das Herzstück aber das Parier- und Ausweichsystem. Denn man weiß: Die Defensive gewinnt Meisterschaften. Jeder Gegner hat neben Lebenspunkten und Schild eine Art Stabilitätsleiste. Wenn man mit dem richtigen Timing einen Angriff perfekt abwehrt, lädt sich die Beta-Leiste auf und man kann großartige Konter fahren. Hat man häufig genug geblockt, gerät der Gegner ins Wanken und wartet meist nur noch auf den niederstreckenden Schlag.
Weniger Frust durch mehr Hilfe
Das Spiel unterstützt dabei, bei den vielen Möglichkeiten die richtige Entscheidung zu treffen. Blockbare starke Angriffe werden durch ein rotes Leuchten angekündigt, unblockbare, aber ausweichbare durch ein gelbes Leuchten.
Und anders als ein klassisches Soulslike bestraft Stellar Blade nicht so hart, wenn es doch mal nicht klappt und der Charakter dahingerafft wird. In einem Soulslike verliert man standardgemäß die bis dahin angesammelten Erfahrungspunkte und muss sie, wenn man Glück hat, erst einmal wieder aufsammeln gehen. Eve dagegen ist ein absolutes Steh-auf-Frauchen: Wird sie getötet, erwacht sie am letzten Speicherort (meist an den großzügig verteilten Lagern) einfach von Neuem mit allem, was sie bis zu ihrem Ableben an Erfahrung gesammelte hatte. Nur die Standardgegner respawnen. Aber das birgt deutlich weniger Frustpotenzial, als wenn man eine oder zwei Spielstunden verliert, weil man nicht rechtzeitig zum Speicherpunkt gekommen ist und sich übermütig der nächsten Horde entgegengestellt hat.
Manchmal knackig, aber immer fair
Sogar in den Bosskämpfen erhält man später direkt eine zweite Chance: sofortige Wiederbelebung. Wie oft ich in Bloodborne sooo kurz davor war, dem Monster endlich mit dem letzten Schlag den Garaus zu machen, um dann doch mein Alter Ego zerstückelt auf dem Boden zu sehen. Das fällt in Stellar Blade meist weg. Natürlich ist die Kehrseite der Medaille, dass das Erfolgserlebnis und die Euphorie so geringer ausfallen. Der Sieg ist schlichtweg weniger glorreich.
Denn es ist einfach etwas anderes, einen schier übermächtigen Gegner endlich mal im 30. Versuch zu knacken. Hier reichen meist nur zwei, drei Anläufe, bis man den Dreh einmal raus hat. Stellenweise hat das Spiel trotzdem seine knackigen Momente. Auch einfache Gegner können Dich ans Limit bringen, wenn Du blind und unvorbereitet auf sie zuläufst und plötzlich weitere Monster und Maschinen im Rücken hast, sodass Du Dich nicht schnell genug in Sicherheit bringen oder heilen kannst.
Springen will gelernt sein
Doch bleibt es stets fair. Dafür sorgen auch die drei verschiedenen Schwierigkeitsgrade, die ebenfalls Soulslike-untypisch sind. Hilfreich ist dabei die richtig gute, flüssige Steuerung, die man im Großen und Ganzen schnell verinnerlicht hat und in einer Trainingsarena fleißig unter Anleitung üben kann.
Nur bei den Sprung- und Hangelpassagen wird es regelmäßig hakelig. Wenn Millimeter darüber entscheiden, ob man den sicheren Punkt erreicht, ins Bodenlose fällt (kleiner LP-Verlust samt neuem Versuch an gleicher Stelle) oder doch aus zu großer Höhe auf den Boden knallt (Exitus und zurück zum Lager), nervt das schon extrem.
Genauso wie man wegen der teils suboptimalen Kameraperspektive in den schnellen Kämpfen manchmal den Überblick verliert und das Zeitliche segnet. Und ganz selten ist man weg vom Fenster, ohne zu verstehen, was überhaupt passiert ist. Aber das alles ist Jammerei auf erstaunlich hohem Niveau, denn das sind Ausnahmen in einer ansonsten sehr guten technischen Präsentation.
Ein Blockbuster für ein breites Publikum
Das Gameplay ist nicht ganz so herausfordernd wie bei den üblichen Titeln aus dem Hause From Software (Bloodborne oder Elden Ring). Die Geschichte ist nicht ganz so philosophisch-episch wie bei Nier: Automata. Aber Stellar Blade erhebt auch gar nicht den Anspruch, ein Soulslike zu sein oder ein neues Nier. Es will in erster Linie unterhalten. Entsprechend zielt Entwickler Shift Up auch auf ein möglichst breites Zielpublikum, das mutmaßlich eher männlich ist, sich an hübschen jungen Frauen vermutlich nicht satt sehen kann und liebend gerne Eve an- und vor allem auszieht.
Und es bekommt einiges geboten: etwa 40 verschiedene Basis-Outfits für Eve (alles dabei: Latex-Anzüge, Mini-Röckchen, Bikini, Biker-Klamotte, Strickpulli), dazu Accessoires wie Brillen und natürlich neue Frisuren. Da dies alles nur kosmetischer Natur ist, kann man so spielen, wie Eve einem am besten gefällt. (Eigentlich schade, oder? „Je mehr nackte Haut, desto niedriger die Abwehrkraft“ wäre doch auch ein Konzept gewesen.)
Auf Erkundungstour
Die Welt ist großteils karg und wüst, aber sieht spektakulär aus. Zerstörte Städte, weitläufige Wüste, enge U-Bahn-Tunnel – alles dabei, was das postapokalyptische Herz begehrt. Prinzipiell ist Stellar Blade linear angelegt, hat aber seine halboffenen Bereiche, die zum Erkunden einladen. Neben den Cosmetics sind es weitere Collectables wie „Erinnerungen“ von verstorbenen Erdenbewohnern, die die Handlung ergänzen und manchmal Hinweise auf Schatztruhen offenbaren, sowie 49 Getränkedosen, die später im Basis-Lager in einer hübschen Vitrine verstaut werden können.
Überhaupt fand ich diese optionalen Sidequests und Nebenmissionen weniger nervig und repetitiv als in anderen Spielen. Dazu kommen die obligatorischen Heil-Gegenstände, Materialien für die Verbesserung von Waffen, Ausrüstung und Statuswerten und Relikte aus der Vorkriegszeit. Zu entdecken gibt es einiges. Und selbst wenn ich ein neues Areal immer erst einmal komplett absuche, habe ich in meinem ersten Durchgang trotz Umgebungsscanner die eine oder andere Nische übersehen und ein paar Schätze liegen lassen.
2B or not 2B, that is the question
Doch das schreit natürlich nach einem weiteren Durchgang. Der Entwickler hat einen New-Game-Plus-Modus von vornherein implementiert. Dort warten neben neuen Fähigkeiten teils neu arrangierte und stärkere Gegner, nochmal 30 neue Outfits (meist Variationen der vorhandenen) und die Aussicht auf ein weiteres der insgesamt drei unterschiedlichen Enden.
Ich habe jetzt die ersten beiden Enden erreicht. (Tipp: Cloudsave im letzten Lager!) Die Geschichte ist definitiv spannend und gut inszeniert, getragen wird Stellar Blade aber hauptsächlich von einer fabelhaften Optik, den dystopischen Locations, einem wunderbaren ebenso an Nier: Automata erinnernden Soundtrack samt sehr guter deutscher Synchronisation und allen voran einem durchdachten dynamischen Gameplay. Und natürlich von Eve, die einen guten Job macht, ohne denselben Charme zu erreichen, den ihre Schwester im Geiste 2B hatte. Dazu hat man ihr auch keine Chance gelassen. Ich freue mich aber sehr darauf, mich erneut ins Abenteuer zu stürzen. Jetzt im NG+ wie auch im geplanten Nachfolger.
MADDIN MEINT
Klar, hier zogen gleich zwei altbekannte Marketing-Strategien: „Sex sells“ und „Es gibt keine schlechte Publicity“. Aber wenn wir das mal hinter uns lassen und Stellar Blade unvoreingenommen unters Röckchen schauen, offenbart sich eine wahre Perle. Das Soulslike-inspirierte Rollenspiel erfindet kein Rad neu. Aber es setzt bewährte Komponenten so treffsicher zusammen, dass am Ende eine eigene Handschrift entsteht. Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob die Heldin nun unbedingt wie der personifizierte feuchte Traum des daddelnden Teenagers aussehen muss, ja. Jedoch ändert das nichts daran, dass Stellar Blade – trotz kleinerer Schwächen – schlichtweg ein verdammt geiles Spiel ist!

