Solange ich denken kann, ist Schwarz eigentlich immer meine Lieblingsfarbe gewesen. Als ich richtig angefangen habe, Musik zu hören, handelte es sich dabei um Rock und Metal. Erste Diskoerfahrungen auf Gothic-Parties. Schwarzer Weg also vorherbestimmt? Von wegen.
Als junger Erwachsener war es so: Für die Metal-Fans war ich kein Metalhead, für die Gothics war ich kein Gruftie. Das Witzige ist aber, dass ich für die Metalheads eher der Gothic war, und für die Gothics eher der Metalhead. Auch wenn ich musikalisch eher dem Metal fröne, war meine Selbstbeschreibung dann letzten Endes: Halbgoth (pun intended). Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Schubladendenken FTW
Wohlweislich, dass jeder Mensch ein Individuum ist und manche Menschen in keine Schublade passen, bin ich bis heute ein Verfechter des Schubladendenkens. Es ermöglicht die schnelle Kategorisierung von fremden Personen, ohne sich ad-hoc mit der Komplexität menschlichen Seins auseinandersetzen zu müssen. Es macht jedoch einen Unterschied, ob man in 5, 20 oder 100 Schubladen denkt. Wichtig ist dabei, die Schublade aufzulassen, nicht zu schließen und schon gar nicht abzuschließen, um eine nachträgliche Korrektur und Feinjustierung vornehmen zu können.
Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass mir die oben genannte Einschätzung damals egal war. Mein damaliges Ich mag das so gesehen haben, aber retrospektiv kann ich zugeben, dass ich es schlichtweg großartig fand, in keine Schublade zu passen. Von anderen vermeintlich nicht richtig kategorisiert werden zu können, fand ich toll. Mit 20 sieht die Welt etwas anders aus als mit (fast, eher, meinetwegen) Mitte 40.
Ich bin nicht wie Ihr
Auch wenn ich immer zur schwarzen Szene tendiert habe, bin ich bei Gothic-Parties lange Zeit in einem roten Shirt an- und rumgetanzt. Eindeutige Botschaft: Ich bin anders als Ihr! Das Overstyling der Anwesenden fand ich zwar chic, aber selbst Interesse daran, mich „herauszuputzen“, hatte ich nie. Während die anderen sich besonders fein gemacht haben, wollte ich besonders anders sein. Abgrenzung um jeden Preis und sich dann darüber beschweren, nicht dazuzugehören. Tja.
Heute wird gefragt, ob die Waschmaschine kaputt ist, wenn ich etwas nicht Schwarzes trage. Je älter ich werde, desto „schwärzer“ werde ich auch. Ich weiß noch ganz gut, wie ich einmal in einer Facebook-Gruppe gefragt habe, ob schwarze bio-vegane Fairtrade-Bootcut-Jeans existieren, um eine bessere Alternative zu meiner heißgeliebten Lee Denver zu bekommen (die es mittlerweile nicht mehr gibt). Eine Frau hat mich dann gefragt, ob ich dafür nicht zu alt sei und ob ich mich nicht altersgemäß kleiden will.
It’s not a phase
Das verstehe ich heute genau so wenig wie damals. Ist der Vorteil des Erwachsenseins nicht eigentlich, man selbst sein zu können und zu tragen, was man will? Wäre es altersgemäß gewesen, Blue Jeans zu Hemden oder mindestens Polo-Hemden zu tragen? Und jetzt mit 40 ist es dann, keine Ahnung, die Stoffhose zum pastellfarbenen Pullunder? Mit 50 hat dann gefällig alles in einem Einheits-Beige aufzugehen? Oder soll man wortwörtlich mit der Mode gehen? Schwarz und Bootcut sind okay, wenn es gerade angesagt ist?
Es ist halt keine Phase, die irgendwann vorübergeht. Das bin ich, und ich kann mich auch immer noch entwickeln, selbst wenn mein schwarzer Kleiderschrank nur schwarze Klamotten ausspuckt. Ich habe keine Lust, mich in irgendwelche ausgedachten Konventionen und Standards zu zwängen. Gerade in meinem Alter ist mir das Wohlbefinden wichtig – und das sagt halt: Fast ausnahmslos schwarz.
Alles oder nichts?
Und wie und ob mich andere heute kategorisieren, ist mir wurscht. Für die einen mag ich immer noch ein Metalhead oder alternativ sein, für andere „der Veganer“, ein Gamer, der Ex-Azubi oder eben ein Gruftie. Für die meisten, die mich kennen, mag ich vielleicht einfach nur ein ganz netter Kerl sein. Das ist alles okay. Denn es trifft halt alles zu. Es ist eine Frage von Gemeinsamkeiten, Beziehungen und allen voran der Perspektive.
Im Banalen wie im Ernsten: Ihr kennt wahrscheinlich alle das unerträgliche Geseier von „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ oder „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“. Die Wahrheit ist relativ simpel: Du bist wahrscheinlich doch ein Nazi. Und Du hast definitiv etwas gegen Ausländer. So einfach ist das.
8 von 10 auf der Gothic-Skala
Und entsprechend einfach ist es tatsächlich auch bei mir: Ich trage ja wirklich fast ausschließlich schwarz, höre Metal, aber eben auch EBM und manchmal Bat Cave. Ich habe einen fast komplett tätowierten Tim-Burton-Arm, bin Weltschmerz sein Vetter zweiten Grades – und wenn ich tanze, dann so gut wie immer auf schwarzen Events.
Etwa die Hälfte meiner Beziehungen hatte einen Gothic-Background. Auch Eden, meine Queen of Darkness, die mich teilweise für einen Klischee-Gruftie hält (mutmaßlich verdient, weil ich Luis Royo mag). Und von Dekogedöns mal ganz zu schweigen. Auf der Gothic-Skala gibt das alles in Summe bestimmt 8 von 10 Grabsteinen. Die letzten beiden folgen dann vielleicht irgendwann, wenn ich alterstechnisch ein Gruftie bin.
Wir alle landen in Schubladen – meist zerstückelt in vielen verschiedenen.
In diesem Sinne: Natürlich bin ich ein Gruftie. Aber halt nicht nur.

