In den letzten Jahren gab es reichlich neuen Frankenstein-Stoff. Da stellt sich unweigerlich die Frage: Braucht es noch eine neue Interpretation von Mary Shelleys Monster? The Bride! ist vieles, aber definitiv kein Mainstream und vor allem auch ungeheuer sehenswert!
Infos
Worum geht’s?
„Frank“ Frankenstein (Christian Bale) wandelt bereits seit über 100 Jahren als wandelnder Toter über die Erde und kann die Einsamkeit nur noch schwer ertragen. Seine letzte Hoffnung ist Wissenschaftlerin Dr. Euphronious (Annette Bening), die zwar trotz Arbeiten zum Thema „Wiederbelebung“ ethische Bedenken hat, aber dann doch nachgibt. Gemeinsam buddeln sie zufällig die frisch verstorbene Ida (Jessie Buckley) aus einem Armengrab aus, die Opfer eines Verbrechens im Mafia-Milieu wurde. Nach der Wiederbelebung ist ihre Erinnerung weg, weshalb sie schnell überzeugt werden kann, Franks Braut zu sein. Nach einem exzessiven Nachtclub-Besuch wehrt sich das Pärchen in Notwehr gegen zwei Ganoven und sind im Anschluss auf der Flucht.
Klassiker für die Ewigkeit
Wie kann es auch anders sein: Frankenstein ist einfach nicht totzukriegen. Der Klassiker von Mary Shelley ist nicht nur ein Meilenstein der Horror- und Science-Fiction-Literatur, sondern seit knapp 100 Jahren auch nicht mehr aus der Filmgeschichte wegzudenken. Frankensteins Monster und sein zugetackerter Schädel haben schon lange den Weg in die Popkultur gefunden. Ikonische Darstellungen von Boris Karloff in Frankenstein (1931), Adaptionen wie Herman Munster aus The Munsters (1962) oder ganz aktuell die grandiose Interpretation von Guillermo del Toros Frankenstein (2025) zementieren den Kultcharakter des Monsters bis in alle Ewigkeit.
Nicht zu vergessen die Hereinnahme von Dr. Frankenstein und seinem John Clare in der wunderbaren Gothic-Horror-Serie Penny Dreadful. In den letzten Jahren gab es dann auch noch einige weitere Beiträge zum Frankenstein-Mythos: Die Mini-Serie The Frankenstein Chronicles (2015), I, Frankenstein (2014) oder das starbesetzte Victor Frankenstein (2015) mit Daniel Radcliffe und James McAvoy.
Alles Frankenstein, oder was?
Und vermutlich unnötig zu sagen, dass unser Blog-Monster (oder Monster-Blog?) Toastenstein ebenfalls maßgeblich Inspiration bei dieser Figur gefunden hat. Man könnte also meinen, so langsam müssten die Geschichte und alle möglichen Perspektiven doch auserzählt sein. Weit gefehlt. Denn hier kommt Maggie Gyllenhaal ins Spiel, die nicht gerade ehrfürchtig mit ihrem Frankenstein umgeht, ihn weite Teile des Films nur noch „Frank“ nennt und ihn zu einem liebevollen Monster macht.
Ins Zentrum ihres Interesses rückt nämlich dessen Braut. Ich muss gestehen, ich habe weder den Roman von Mary Shelley gelesen noch die alten Horror-Klassiker aus den 1930er Jahren gesehen. Der Vorteil daran ist, dass ich vollkommen unvoreingenommen an den Film herangehen konnte. Ich hatte keine Trailer gesehen, kannte nur ein Bild von Christian Bale als Frankenstein und hatte auch keinerlei Reviews gelesen.
Bezaubernder Cast
Der Einstieg selbst ist höchst arthousig inszeniert. Die tote Mary Shelley spricht als Geist über ihre vertane Chance, noch mehr zu erzählen, reinkarniert zeitweise in Ida und bringt diese damit nicht nur aus dem Konzept, sondern auch in Teufelsküche. Hier zeigt sich bereits das volle Potential von Jessie Buckley, deren Performance somit gleich zu Beginn als famos festgehalten werden kann. Ihre exzessive Darstellung beeindruckt über die komplette Laufzeit hinweg. Überhaupt ist der gesamte Cast über jeden Zweifel erhaben. Ob Christian Bale oder Annette Bening: alle machen einen fabelhaften Job.
Sobald Ida das Zeitliche segnet und für ihren Frank als Braut wiederbelebt wird, beginnt ein Spektakel ohnegleichen. Die Kostüme und die Kulissen sind wahnsinnig opulent und geben dem folgenden Fiebertraum stets den perfekten Rahmen. Und das ist nicht gerade einfach, denn Regisseurin Gyllenhaal wollte sich offenbar nicht mehr festlegen als nötig und wechselt in ihrem Drehbuch das Genre wie die Szenen.
Horror, Krimi, Schmonzette? Alles!
Das ist zugegebenermaßen an der einen oder anderen Stelle etwas holprig. Denn ihr Werk ist ein bisschen Horror, aber auch Road-Trip-Movie. Hommage an alte Tanzklassiker und Krimi. Science-Fiction und Komödie. Rache-Thriller und Gothic-Drama. Schmonzette und feministische Gesellschaftspolitik. Von allem halt etwas. Anders als das ähnlich gelagerte und ebenso großartige Poor Things (2023) von Giorgos Lanthimos bleibt Gyllenhaals Film dabei etwas vager. Die drängenden und zutiefst philosophischen Fragen über Identität und Sein werden hier nur angerissen, aber das tut zumindest der Unterhaltung keinen Abbruch.
Nichtsdestotrotz wird hier eine Sache sehr konsequent zum Ausdruck gebracht: Wut. In teils Natural Born Killers-Manier roadtrippen Ida und Frank durch Amerika, lehnen sich gegen ein korruptes System auf und allen voran Ida lässt sich nicht nur den Mund nicht mehr verbieten – passenderweise sollen die Mafiosi ihr die Zunge herausschneiden -, sondern inspiriert auch andere Frauen, für sich einzustehen.
Fuck the system
Das ist ein Stück weit Feminismus mit dem Holzhammer, ja, aber es macht ungemein Spaß, Jessie Buckley als Inbegriff des Punkrock-Monsters dabei zuzusehen, wie sie die Wahrheit über ihr Schicksal und sich herausfindet. Auch wenn ich der Message uneingeschränkt folge, kann ich verstehen, wenn man Schwierigkeiten hat, den roten Faden überhaupt zu finden. Mir ging es ähnlich. Die ersten Minuten hatten schon ein paar WTF-Momente.
Denn auch wenn hinter The Bride! ein Blockbuster-Budget steckt, das man ihm bei der phantastischen Ausstattung wirklich ansieht, so ist es kein Blockbuster-Film. Einem breiten Mainstream-Publikum kann man ihn nicht schmackhaft machen, befürchte ich, auch wenn er es verdient hätte. Daran ändert dann leider auch der Evergreen Frankenstein nichts.
MADDIN MEINT
Zwischen Arthouse, Horror und Road Trip vermittelt The Bride! manchmal den Eindruck, als könnte es sich nicht entscheiden, was es denn nun sein will. Aber ich glaube fest daran, dass dieser Genre-Mix in dieser Konstellation kein Zufall ist, sondern viel mehr Ausdruck zum einen des Stückwerks, aus dem Frankenstein selbst zusammengesetzt wurde, und zum anderen der Suche nach der eigenen Identität. Ich wurde jedenfalls köstlich unterhalten und kann den Film nur jedem ans Herz legen, der bei eher nischigen Filmen nicht gleich abschaltet.

