Lange Zeit habe ich einen großen Bogen um Ted Lasso gemacht. Ich interessiere mich zwar für Fußball, aber das hat nicht gereicht, um mir das Ganze schmackhaft zu machen. Erst auf das dringende Anraten eines Kollegen habe ich dann einen Blick riskiert – und mich furchtbar geärgert. Denn hier wäre mir fast ein Stück Dramedy-Gold durch die Hosenträger gerutscht.
Infos
Worum geht’s?
Rebecca Welton (Hannah Waddingham) bekommt im Scheidungsprozess den von ihrem Ex-Milliardärsgatten Rupert Mannion (Anthony Head) heißgeliebten AFC Richmond zugesprochen. Einen insgesamt eher mittelmäßigen (und fiktiven) Premier-League-Verein mit überschaubarem Erfolg. Um sich bestmöglich an ihrem Ex zu rächen, will sie den Fußballverein verkommen lassen. Der geneigte Fan weiß: Das geht am besten mit sportlichem Misserfolg. Um auf Nummer Sicher zu gehen, engagiert sie den US-amerikanischen College-Football-Trainer Ted Lasso (Jason Sudeikis), der überhaupt gar keine Ahnung von Fußball hat, aber dennoch Rebecca, die Fans und die skeptischen Spieler durch seine optimistische Art zu überzeugen ersucht.
Mehr Fußball? Nein, nein, nein!
Immer wenn ich Apple TV+ angeschmissen habe, wurde mir Werbung für Ted Lasso gezeigt. Auf den ersten Plätzchen der aktuellen Charts? Ted Lasso. Was soll ich als Nächstes gucken? Definitiv NICHT Ted Lasso. Die Bilder, die kurzen Teaser und Trailer haben einfach nie auch nur einen Funken Interesse aufkommen lassen. Vielleicht lag dies ein Stück weit darin begründet, dass mein Fußballherz mit dem Support zweier Teams schon genügend beschäftigt ist und ich dadurch ein bisschen übersättigt bin.
Aber ein Kollege, mit dem ich mich häufiger über Filme und Serien austausche, hat nicht locker gelassen. Hat Ted Lasso angepriesen wie eine schnauzbärtige Hafendirne. Und hat vermutlich neben dem zelebrierten Nachdruck („Lieblingsserie“) mit einer Randnotiz das Tor für eine Chance geöffnet: „Eigentlich geht es gar nicht wirklich um Fußball.“ Also gut, dann schauen wir uns diese komische Serie einmal an.
Volltreffer
Tatsächlich hatte es dann auch nur etwa zehn Minuten gebraucht, bis ich vereinnahmt war. Das hatte mit der Dynamik zwischen Ted Lasso und seinem Co-Trainer Coach Beard (Brendan Hunt) zu tun, deren Freundschaft man greifen konnte, und vor allem mit den ersten Szenen auf dem Vereinsgelände des AFC Richmond. Als langjähriger Fußballanhänger war ich hin- und hergerissen: Es wurde quasi jedes vorstellbare Fußballklischee aufgegriffen, aber dieser ganze Zirkus ist halt einfach auch ein Stück weit stereotypisch.
Vereinsbosse, die vom Sport keine Ahnung haben, oder Spieler, die mehr mit ihren Haaren als ihrer Leistung beschäftigt sind, sind mutmaßlich weitaus häufiger Realität, als wir uns träumen lassen. Mittendrin: Ted Lasso, der zwar nichts von Fußball versteht, aber von Menschen.
Fußball ist unser Leben
Der kleine Purist in mir war zwar ein bisschen genervt, dass nicht alles ganz akkurat dargestellt wurde. Rahmenspielkalender oder Transferfenster tun ja aber eigentlich auch nichts zur Sache, wenn es doch gar nicht um ein Abziehbild der Realität geht. Denn die eigentliche Stärke der Serie sind die Menschen. Anfangs noch ein billiger Abklatsch der Fußballwelt, aber einmal hinter die Fassade geblickt, nehmen fast alle Charaktere eine erstaunliche Entwicklung.
Dafür zeigt natürlich allen voran Ted Lasso verantwortlich – und entscheidend dabei ist, dass er fachfremd ist. Als Fußball-Fan kennt man die immer gleichen Slogans, weichgespülten Interviews, langweiligen Typen nur zu genüge; es ist Jahr für Jahr irgendwo nur ein Aufguss der Vorsaison. Der Blick über den Tellerrand findet aber in diesem hochemotionalen Spannungsfeld des Profifußballs so gut wie nicht statt.
Ein Früher im Stadion
Das Stadion ist ein Ort, der viel von einem Früher-Gefühl lebt; an dem sich Dinge noch langsamer entwickeln als im Rest der Gesellschaft. Diese Beständigkeit ist es meines Erachtens, die vielen Fußballfans heimelig erscheint. Dabei wären vermeintlich progressive Themen wie psychische Gesundheit, Feminismus oder soziale Gerechtigkeit auch in diesem Rahmen sehr wichtig, finden aber dort keinen Raum. Wie gut, dass es hier eine Serie gibt, die sich nicht um solche Standards in alter „Das hätte es früher nicht gegeben“- und „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“-Manier scheren muss.
Primär will Ted Lasso nicht erfolgreichen Fußball spielen lassen, sondern die Menschen um sich herum besser machen. Das fängt beim Jungstar Jamie Tartt (Phil Dunster) an, geht mit dem Altstar Roy Kent (Brett Goldstein) weiter und hört auch beim Zeugwart Nathan Shelley (Nick Mohammed) nicht auf. Ted Lasso sieht die Menschen und nicht die Funktion, in einem System mit wenig Platz für Menschlichkeit.
Ende – oder doch nicht?
Insgesamt sind die meisten Charaktere äußerst liebenswert und vielschichtig, wie sich im Laufe der Zeit zeigt. Gerade auch Strahlemann Ted Lasso hat nach Trennung mit eigenen Dämonen zu kämpfen. Wenn das gesamte Stadion ihn als „Wichser“ bezeichnet, lächelt er das weg; wenn seine Ex-Frau einen Neuen hat, berührt ihn das ganz woanders. Es sind diese Momente, die die Serie stark machen, wenn vermeintliche Alpha-Männchen aus ihren stereotypischen Rollen herausrutschen.
Als Namensgeber der Serie ist Ted Lasso omnipräsent; für mich persönlich nimmt er dadurch etwas zu viel Platz ein. Zum Ende der Serie war ich ein bisschen Ted-Lasso-müde, die Howdy-Mentalität war nicht ganz meins. Als deutlich stärker empfand ich die Dynamiken im Team und Umfeld. Trotzdem: Das Serienfinale war ein runder Abschluss – und ich finde es beinahe schade, dass eine weitere 4. Staffel geplant ist. Vor allem, da Lassos Geschichte eigentlich auserzählt ist. Lassen wir uns überraschen.
MADDIN MEINT
Klarer Fall von: „Don’t judge a book by its cover!“ Ted Lasso war drei Staffeln extrem unterhaltsam und teils wunderschön, weil es einfach auch „nett“ war. Ein anderer Kollege meinte: „Wenn Du Ted Lasso nicht kennst, hast Du den Fußball und das Leben nie geliebt!“ Das ist natürlich eine Spur zu dick aufgetragen, aber gibt die Richtung schon gut vor. Die fußballerischen Aspekte der Serie sind überzeichnet, aber geben der Story um Leben, Lieben und Lachen einen würdigen Rahmen.

